Marais Poitevin – oder: eine romantische Floßfahrt durch das Hobbitland

Ich war 12 oder 13 Jahre alt, als ich – damals wild entschlossen – mit der Grande Nation Frankreich abschloss. Die Erfahrung eines einwöchigen Schüleraustauschs im hintersten Dorf hatte mir das Land so gar nicht schmackhaft gemacht. Deshalb kann ich von Glück sprechen, dass ich gut zehn Jahre später noch mal nach Frank-reich fuhr, um bei dieser Gelegenheit meine Meinung komplett zu ändern. Und mich stattdes-sen völlig für das Land zu begeistern! Der Dank dafür geht nicht zuletzt an die Region Poitou-Charentes und hier vor allem an den Landstrich Marais Poitevin.

Flossfahrt-Haeuser.jpg

 

Marais Poitevin: Was ist das?

„Herausragendes europäisches Reiseziel“ – mit diesem Zertifikat darf sich der Landstrich Ma-rais Poitevin schmücken. Bei meinem Besuch dieser Region nördlich von La Rochelle habe ich trotzdem keine Ahnung, was mich erwartet. Umso begeisterter bin ich beim Anblick der zweitgrößten Sumpfregion Frankreichs, nahe der französischen Westküste, als ich mit einem für die Gegend typischen Flachboot samt Gondoliere durchs Wasser gleite. „Venise Verte“, also grünes Venedig, wird die Sumpfregion aufgrund der vielen Kanäle auch genannt.

Mit dem Boot fahre ich durch eine sumpfige Landschaft, die einst komplett vom Meer über-flutet war und später aufgrund ihres fruchtbaren Bodens von Mönchen landwirtschaftlich nutzbar gemacht wurde. Diese entwässerten das Land mithilfe zahlreicher Kanäle, auf denen ich mich heute fortbewege: ein Labyrinth aus magischen Wasserstraßen, das an fruchtbaren Parzellen und friedlich grasenden, äußerst hübschen Kühen vorbeiführt. Ich fühle mich von einer märchenhaften Ruhe umgeben, die hier und da von Vogelgezwitscher aufgelockert wird.

Hobbitland_Kuh.jpg

 

Eine Floßfahrt durch Marais Poitevin

Fast traue ich mich nicht, überhaupt zu sprechen. Im Schutze meines kleinen Bootes bewege ich mich mitten in der Natur. Ich gleite durch winzig schmale Wasserkanäle, vorbei an saftig grünen Wiesen und unter tief ins Wasser hängenden Bäumen hindurch. Es ist Mai, das Wetter erinnert aber eher an April – denn der April macht, was er will. Die Sonne scheint nicht, die Wolken hängen tief und ein kleines bisschen regnet es sogar. Im Schutze des dicht bewachse-nen Sumpfgebiets merke ich davon aber glücklicherweise nichts. Ich vergesse sogar fast den Gondoliere hinter mir, der mich ruhig und sanft durchs flache Wasser führt.

Hobbitland_gruen.jpg

 

Eine Floßfahrt ins Märchenland

Auf mein Fragen hin erzählt mir der Gondoliere davon, wie das Leben hier früher war. Seine Geschichten klingen so märchenhaft beschwingt und glücklich, dass ich nicht anders kann, als mir vorzustellen, wie Frodo Beutlin aus „Herr der Ringe“ mit seiner Hobbitfamilie durch das hohe Gras links und rechts von mir hüpfen. Stünde jetzt ein Elb vor mir, ich könnte mich nicht erschrecken. Stünde jetzt der große Zauberer Gandalf vor mir, mit seinem weißen Rausche-bart... an diesem Ort würde mich gar nichts wundern.

Ein bisschen geheimnisvoll ist es hier und da, ein bisschen unheimlich dann und wann und sehr magisch von Zeit zu Zeit. „Bei der Geburt einer Tochter pflanzte man zu jener Zeit einen der weißen Bäume, die du hier siehst. Wenn die Frau dann geheiratet hat, fällte man ihn und überreichte den Ertrag des Holzes der Familie des Bräutigams“, erzählt mir der Gondoliere. Und so fahren wir dahin.

Nicht selten, so erfahre ich, werden Gondoliere während einer Floßfahrt in Marais Poitevin Zeugen einer Verlobung. Kein Wunder: In dieser romantischen Umgebung fällt es doch arg schwer, etwas anderes als „ja“ zu sagen. Auch Trauungen finden hier häufig statt, erzählt mir der Gondoliere. Zu schade, dass ich heute allein unterwegs bin.

Hobbitland_Baeume.jpg

 

Floßfahren mit „Embarcadère Cardinaud“: Tradition und Qualität mieten

Das Marais Poitevin wurde im Jahr 2010 beim Concours EDEN in der Kategorie „Tourismus am Wasser“ ausgezeichnet – für mich seit meiner Floßfahrt keine Überraschung mehr. Meine Tour durch das Mosaik aus Trockenmoor, Sumpfgebiet und Vogelparadies habe ich mit „Em-barcadère Cardinaud“ gemacht, einem Bootsunternehmen etwas abseits der Hauptwasserstra-ße, an der die Bootsverleihe für mich nach Massenabfertigung aussehen. Wie ich selbst erlebt habe, sind die Gondoliere bei „Embarcadère Cardinaud“ extrem gut informiert und voller Leidenschaft bei der Sache. Sie lieben die Natur, lassen einen in Ruhe genießen, erzählen aber genauso gern spannende Geschichten und das sogar auf Englisch. Für mich die perfekte Mi-schung. Und psst: ich durfte sogar selbst mal Gondoliere spielen... habe uns dann allerdings schnurstracks ins Gebüsch gelenkt. Gut sechs Erwachsene hätten mit mir auf mein Boot ge-passt. Wer auf einen Guide verzichten und das Labyrinth auf eigene Faust erkunden möchte, kann das mit einem Kanu oder einem Tretboot machen.

Hobbitland_Boot.jpg

 

Von Marais Poitevin nach La Rochelle

Zurück in die Zivilisation! Nach meinem Ausflug ins Marais Poitevin fahre ich nach La Ro-chelle weiter. Der Küstenort an der Westküste Frankreichs liegt nur etwa eine Autostunde ent-fernt. In La Rochelle knipse ich ein Foto nach dem anderen von den äußerst niedlichen, wenngleich oft etwas heruntergekommenen Häuserfassaden. Hier erwartet mich außerdem eine Vielzahl umwerfender Restaurants, viele von ihnen mit einem oder mehreren Michelin-Sternen ausgezeichnet. Kein Wunder: Frankreich ist die Nation, die wohl am meisten Geld fürs Essen und Essengehen ausgibt, es sich in dieser Hinsicht also richtig gut gehen lässt. Ich persönlich kann vor allem das Sternerestaurant „La Suite“ empfehlen, in dem ich zum ersten Mal in meinem Leben Hummer genieße. Wer es weniger edel, aber genauso geschmackvoll und vorzüglich mag, dem empfehle ich das „Les 4 Sergents“, dessen Gebäude dem Look ei-nes edlen Gewächshauses ähnelt.

Ob es nur ein Ausflug in die Natur, ein Abenteuer im Grünen oder ein Ausflug an einen magi-schen Ort sein soll, ob ein romantischer Kurztrip für Verliebte oder ein Familienerlebnis für Groß und Klein: Poitou-Charentes kann eigentlich alles. Die Gegend hat es mehr als geschafft, meine negative Meinung von Frankreich zu ändern. Im Gegenteil: Ich kann es kaum erwarten, so bald wie möglich zurück ins Marais Poitevin – mein ganz eigenes Hobbitland – zu fahren.

LaRochelle.jpg


Weitere Informationen:

Bootsverleih: www.embarcadere-cardinaud.fr

Events und Attraktionen in Marais Poitevin

Restaurant „Les 4 Sergents“: www.les4sergents.com

Restaurant „La Suite“: www.lasuite.co/fr/