Wandern an der schottischen Ostküste - Klippen, Strände und Burgruinen


Montrose und der Leuchtturm Scurdie Ness

Kurz bevor wir Montrose erreichen sehen wir von der Straße aus eine riesige matschige Lagune. Der Fluss South Esk staut sich hier auf, kurz bevor er ins Meer fließt, und schafft vor allem bei Ebbe ein Gourmet-Restaurant für die zahlreichen Seevögel. Doch nicht nur für Ornithologen lohnt sich der Besuch der Stadt. Ein weitläufiger Sandstrand erstreckt sich bis zum weißen Leuchtturm Scurdie Ness. Der Fluss South Esk schneidet uns schließlich den Weg entlang des Strandes zum Leuchtturm ab. Auf den Sandbänken ruhen sich Seehunde, aus. Wir starten die Wanderung zum Leuchtturm ein zweites Mal auf der anderen Seite des Flusses. Vom Pfad schauen wir hinaus auf das glitzernde Meer. Ein paar dunkle Schemen tauchen kurz auf. „War da nicht gerade was?“ rufe ich den Kindern zu, die ein Stück vor uns laufen. „Ja, da! Delfine!“ Jetzt sehen wir eine Delfinschule von sechs Tieren, die sich Richtung offenes Meer bewegt. Aufgekratzt und gut gelaunt wandern wir weiter.

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Der Leuchtturm von Scurdie Ness an der Mündung des Flusses Esk

Die Küste wird felsiger und die Wellen spritzen über die Steine. Wir klettern hinunter ans Wasser und schauen zum Leuchtturm. Vor dem Leuchtturm parkt ein Auto, anscheinend wohnt da also jemand. „Ist das cool? Das wäre so richtig was für uns“, denke ich gerade laut, als wir von einem älteren Ehepaar angesprochen werden. „Na, habt ihr gute Fotos gemacht?“ Es stellt sich heraus, dass es die Leuchtturmbesitzer sind, und schon sind wir mitten im Gespräch. Früher segelten die beiden um die Welt, jetzt mögen sie mehr die Ruhe und Entspannung. Doch in einem normalen Haus fühlen sich Weltenbummler und Meeresliebhaber nicht wirklich wohl. Da traf es sich gut, dass der Leuchtturm gerade zum Kauf angeboten wurde, und die beiden schlugen sofort zu. Einziger Nachteil: das Bauwerk steht unter Denkmalschutz und darf baulich nicht verändert werden. Dabei wären neue, vor allem winddichte Fenster unbedingt nötig, sagen sie. Wieder zurück, lädt der Stadtkern von Montrose uns zu einem Bummel durch die Geschäfte und Restaurants ein. Für einen Besuch des Museums ist es leider schon zu spät.

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Die Hafenfront von Stonehaven mit seinen typisch schottischen Häuserstil


Stonehaven und Dunnottar Castle

Unser erster Eindruck von Stonehaven ist trist und eher abweisend. Die Häuser sind grau oder braun, niemand streicht die Fassaden mit bunten und hellen Farben an. Die Farben der Natur müssen dem Betrachter ausreichen. Zusätzlich ist an diesem Tag das Wetter genauso grau wie die Häuser. Wir erkunden die Stadt und wundern uns über ein Schild, welches der Stadt einen Preis für außergewöhnliche Schönheit bescheinigt. Fragend schauen wir uns in die Augen und lächeln ungläubig.

Als wir uns dem Hafen nähern wird es belebter. Zahlreiche Leute feiern mit einem Pint Bier in der Hand auf der Straße das Kronjubiläum der Queen, Musikfetzen schweben Richtung Meer. Die fröhliche Stimmung schwappt auch auf uns herüber, und wir lassen uns gemächlich über den Festplatz treiben.

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Inmitten saftig grüner Weizenfelder steht ein Kriegsmahnmal auf einer Anhöhe vor Stonehaven

Nach einer Weile wandern wir weiter den Hang hinauf, denn außerhalb der Stadt liegt Dunnottar Castle, welches wir im Abendlicht fotografieren möchten. Der Klippen-Wanderweg zur Schlossruine wird gerade instandgesetzt, das bedeutet einen ordentlichen Umweg für uns. Der Himmel hängt immer noch voll grauer, schwerer Wolken, und wir halten ihn ständig im Blick. Als ob wir den Regen dadurch abhalten könnten. Der Wettergott hat aber ein Einsehen mit uns und die Wolkendecke lichtet sich zusehends. Unsere Regenjacken bleiben im Rucksack und wir laufen munter und zuversichtlich weiter. Als wir schließlich am Klippenrand den ersten Blick auf die Burgruine werfen, schiebt sich die Sonne unter den Wolken hervor und kleidet die Mauern von Dunnottar Castle in goldenes Licht. Was für ein Anblick! Die Ruinen thronen auf einem Felsen, zu beiden Seiten liegen Meeresbuchten. Dunnottar scheint aus einer Märchenwelt hierher versetzt zu sein. Die Touristen, die tagsüber das Anwesen besichtigt haben, sitzen längst in einer der Kneipen oder Restaurants unten im Ort. Wir haben das Gelände fast für uns allein und können unbeschwert fotografieren.

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Die geschützte Bucht vor Dunnottar Castle. Eine Treppe führt zum Strand hinunter

In unseren Köpfen geht die Fantasie mit uns durch: Wie mag es hier im 16. Jahrhundert ausgesehen haben? Welche Könige und Königinnen wandelten auf den Pfaden, die wir gerade betreten? Welche Schlachten wurden hier ausgefochten? In welchem Kerker hatten die Königstreuen wohl die schottischen Kronjuwelen versteckt, als die Truppen Oliver Cromwells Dunnottar Castle 8 Monate lang vergeblich belagerten?

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Sicht auf Dunnottar Castle vom Süden

Die jahrhundertealte Geschichte von Macht, Glanz, Krieg und Gewalt ist in den Mauern der Ruinen gespeichert, wir können sie fast greifbar fühlen und uns wird ehrfürchtig ums Herz. Die Sonne nähert sich dem Horizont, ihr Licht streicht immer noch magisch über die Burgruine und bringt die fetten Wolken zum Aufleuchten. Das wechselhafte Regenwetter ist wie geschaffen für diese grandiose Kulisse.

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Dunnottar Castle vom Strand der Bucht aus gesehen

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Die Mauern von Dunnottar Castle im Abendlicht

Sonnenschein bestimmt das Wetter des nächsten Tages und dabei erkennen wir auch die zurückhaltende Schönheit Stonehavens. Die düsteren Häuserfronten wirken von einem Mal lebendig, die Grau- und Brauntöne harmonisieren mit den Felsen der Steilküste. Die klaren Wellen des Meeres rauschen auf die Stadtbefestigung zu, kleine Kunstwerke verzieren die Vorgärten und Plätze, Fischerboote dümpeln träge im fast kreisrunden Hafenbecken. Ein buntes Treiben belebt die Stadt – es ist Markttag und von einer Bühne tönt Musik.


Johnshaven

Etwas weiter im Norden liegt ein kleiner Fischerort direkt unterhalb der steilen Felsklippen. Die Abbiegung ist leicht zu verpassen, und die Straße zum Hafen hinunter ist steil. Johnshaven drängt sich auf dem schmalen Streifen zwischen Küstenlinie und Klippen, im Hafen liegen die alten Holzboote der Fischer. Hier verdient tatsächlich noch ein guter Teil der Einwohner ihren Lebensunterhalt mit Fischen. Früh am Morgen ist die Luft vom Meer feucht und diesig, das Licht noch trüb. Der Blick schafft es kaum jenseits der Hafenmauer, auch die kreischenden Möwen bleiben im Dunst unsichtbar. Dann steigt die Sonne hinter den Horizont hervor, der Nebel löst sich auf, und die Farben leuchten.

Im August erwacht das kleine Örtchen aus seinem Dornröschenschlaf und feiert sein weithin bekanntes Fischfestival. Dann drängeln sich fröhlich hunderte Menschen auf dem Hafengelände.

Auf dem Weg weiter nach Norden besuchen wir Aberdeen für einen kurzen Stadtbummel. Im Hafen stehen die Fähren bereit für die Fahrt zu den Orkney- und den Shetland-Inseln. Als sie ablegen, schauen wir ihnen sehnsüchtig hinterher, wie sie die zwei weißen Leuchttürme der Hafeneinfahrt passieren und in der Ferne entschwinden.

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Steilküste bei Slain's Castle. Der Weg geht gefährlich nahe am Klippenrand entlang


Cruden Bay und Slain's Castle

Das Stadtleben wird uns schnell zu hektisch, wir möchten lieber zurück zur Natur. Wir verlassen Aberdeen wieder und fahren bei Cruden Bay an die Küste. Die rosa Strandgrasnelken verzieren die gesamte Küstenlinie, Vögel kommen und gehen ohne Unterlass. Das ist ein ganz anderer Trubel, das Gekreisch der Seevögel, das Heulen des Windes und das Rauschen der Wellen tut unseren Ohren gut. Beim Wandern kommen wir zur inneren Ruhe und genießen die frische salzige Luft. Wir treffen auf eine Gruppe Biologen, die sich mit großem technischen Aufwand auf dem Parkplatz bereit macht. „Was habt ihr denn vor? Bergsteigen?“ spreche ich die Truppe neugierig an. „Nein, wir müssen Trottellummen einfangen und beringen. Das ist eine gefährliche aber wichtige Aufgabe, um deren Wanderverhalten zu erforschen.“

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Ein Papageitaucher putzt sich das Gefieder vor seiner Nisthöhle

Die Forscher stellen Schilder auf, um Wanderer auf Abstand zu halten. Die Lummen legen ihre Eier auf den blanken Fels, jeder Störung gefährdet das Ei. Die jungen Leute wissen was sie tun, wir entfernen uns sicherheitshalber in die andere Richtung. Enge und steile Schluchten tun sich vor uns auf, unzugängliche Strände liegen weit unterhalb unserer Füße. Wir treffen kaum auf andere Touristen.

Etwas weiter weg sehen wir eine Burgruine auf den Klippen thronen. Das ist Slain's Castle, unser nächster Halt. Wir beeilen uns, auf den schmalen Pfaden voranzukommen, denn die Wolken ballen sich dunkel über uns zusammen. Ein Regenschauer überrascht uns dann doch beim Castle, und wir suchen schnell Unterschlupf in den alten Gemäuern. Doch Fehlanzeige. Auch wenn die Burg relativ gut erhalten wirkt, nirgendwo hat sie ein Dach.

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Die verwitterten Mauern von Slain's Castle

Später erfahren wir, dass die Dächer um 1925 entfernt wurden, weil der neue Besitzer weniger Steuern zahlen wollte. Danach erst ist Slain's Castle zur Ruine verkommen. Wir werden also nass, Pech gehabt.

Im Jahre 1895 besuchte Bram Stoker Cruden Bay und Slain's Castle und lies sich hier für seinen Klassiker Dracula inspirieren. Uns gruselt es auch ein wenig, als der Wind klagend durch die verschachtelten Gemäuer heult.

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Strandgrasnelken bei den Bullers of Buchan


Der Leuchtturm von Buchan Ness und die Bullers von Buchan

Bei dem Städtchen Boddam steht auf einer kleinen, vorgelagerten Insel der rot-weiße Leuchtturm von Buchan Ness. Über eine Brücke kommen wir dort hin, und wir umrunden einmal die Leuchtturmanlage komplett. Bei hohem Seegang kann das gefährlich werden, wenn die Wellen bis an die Außenmauern spritzen, denn der Pfad ist schmal und die Klippen fallen, vor allem am östlichen Ende, steil ab.

Südlich von Boddam erstreckt sich einer der wildesten Küstenabschnitte Schottlands bis nach Cruden Bay, wo wir vorher waren. Der bekannteste Abschnitt sind die Bullers of Buchan, eine riesige kreisrunde eingestürzte Seegrotte, umgeben von mehreren Steinbögen. Hier verbringen wir 2 wundervolle Wandertage bei bestem Wetter, mitten in der faszinierenden Landschaft und begleitet vom unentwegten Geschrei der Seevögel.

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Steinbögen bei den Bullers of Buchan

Diese touristisch relativ unbekannte Region in Aberdeenshire, zwischen Montrose und Peterhead, bietet eine unglaubliche Vielfalt für Naturfreunde. Vor allem die deutschen Touristen haben diese Ecke Schottlands noch nicht für sich entdeckt. Wir wissen gar nicht warum. Aus dem Auto heraus sieht die Gegend unscheinbar aus, und alles scheint auf den ersten Blick etwas trist, bei näherem Hinschauen offenbaren sich jedoch die Schätze. Unterhalb der Steilküste liegen versteckte alte Dörfer, kilometerlange Strände, das Meer hat aus den Küstenfelsen Steinbögen und freistehende Säulen herausgearbeitet. Sportliche Naturen können wandern, klettern, surfen oder auch Golf spielen. Diese Küstenregion haben wir schätzen und lieben gelernt.

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