Nordlichter in schwedisch Lappland



Neujahr ist schon eine Weile vorbei und ganz Schweden liegt still unter einem dicken Panzer aus Eis und Schnee. Wir haben wunderbare Weihnachts- und Wintertage bei unseren Freunden in Mittelschweden verbracht und sind langsam bereit für ein neues Abenteuer.

Wir, das sind zwei Eltern mit ihren drei Teenagern auf ihrer Skandinavien-Winterreise.

Schwedisch Lappland, weit oben im Norden am Polarkreis lockt uns mit der Faszination von Einsamkeit, extremen Klimabedingungen und natürlich mit der einmaligen Chance, in dieser Winterlandschaft Nordlichter zu beobachten.

Die letzten Wochen sind wir mit unseren Winterreifen trotz ständig verschneiter und vereister Straßen ganz gut auf Schwedens schneebedeckten Straßen herumgekommen. Die schwedischen Straßenmeistereien streuen nicht im Winter. Entweder ist es so kalt, dass das Salz eh nicht hilft, oder es bildet sich brauner Schneematsch, auf den auch niemand Lust hat.

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Das Visitor Center von Luleå, unserem Ziel in Nordschweden

Bis zu unserem Ziel in Luleå sind es von Mittelschweden aus 1000 Kilometer auf vereisten und verschneiten Straßen. Da lassen wir und doch besser Spikesreifen aufziehen. Die Mehrzahl der Skandinavier fährt im Winter mit Spikes, und wer daran denkt, mit dem Flugzeug herzukommen, kann sich sicher sein, dass der Mietwagen auch Spikesreifen hat. Wir sind also zum nächstgelegenen Däckservice, das ist der Reifendienst, und haben uns Dubbdäck, so heißen die Spikesreifen hier, aufziehen lassen.

Wir prüfen zusätzlich, ob das Kühl- und Scheibenwaschwasser frostfest bis ungefähr minus 50° C ist, besorgen uns noch eine Schneeschaufel und einen Sack Katzenstreu, falls wir in Schneewehen oder auf Glatteis hängenbleiben sollten.

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Nachmittags unterwegs im Norden von Schweden


Notfallausstattung für Winterfahrten

Für Fahrten in diese einsamen kalten Gegenden gibt es einige Grundregeln, die für das Überleben wichtig sind, wenn man mit dem Fahrzeug liegen- oder steckenbleibt.

Diese haben wir auf unserer Homepage aufgelistet, "Autofahren im hohen Norden":
http://www.5reicherts.com/2013/11/nordlichtfotografie-teil-1-autofahren-auf-eis-und-schnee/

Auf jedem Fall haben wir mehr Zeit für die Fahrt eingeplant, als wir für erforderlich halten. 50% bis 100% Aufschlag sind nach unseren Erfahrungen keine übertriebene Vorsicht, solche Verzögerungen werden schnell Realität.


Die erste Etappe nach Norden

Am Vorabend unserer Abreise haben wir schon unsere Koffer gepackt, dass wir am Morgen nur noch frühstücken müssen. Zum Glück haben wir einen geräumigen Bus, das Beladen ist ruckzuck erledigt. Die Verabschiedung von unseren Freunden dauert etwas länger, aber kurz nach Mittag sind wir endlich auf dem Weg. Zu unserer nächsten Station, Härnösand, sind es 500 Kilometer.

Das Wetter ist für Januar recht warm, nur einige Grade unter Null, am Himmel hängen dicke graue schneeschwangere Wolken. Es dauert nicht lange, da fallen auch schon die ersten Schneeflocken. Gegen 3 Uhr bricht die Abenddämmerung an, doch wir pflügen unermüdlich weiter durch Dunkelheit und Schneegestöber. Die Sichtverhältnisse sind nicht sehr toll, wenigstens hält sich das Verkehrsaufkommen in Grenzen.

Auf einmal wird es vor uns stockdunkel. Nur mühsam lässt sich die Straße erkennen. Zum Glück sind wir kurz vor einer Stadt und fahren auf den Parkplatz eines Einkaufszentrums. 2 Dinge sind passiert: auf einer Seite ist die Birne des Abblendlichts ausgefallen, und zusätzlich ist Schnee von der Motorhaube über die Scheinwerfer gerutscht. Nebenan ist ein Autozubehör-Markt, da besorgen wir uns Ersatzbirnen und vertreten uns etwas die Füße, dann geht’s wieder weiter.

Wir kommen spätabends in Härnosand an und haben fast doppelt so lang gebraucht, wie es unter günstigen Wetterbedingungen möglich gewesen wäre. Wir wollen 2 Nächte bleiben und uns hier an der Ostseeküste kurz umsehen, bevor wir weiterfahren. Härnösand liegt direkt am Wasser, denn die Stadt ist auf einer Insel erbaut.


Zwischenstopp in Härnösand

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Schneemassen verstopfen die Straßen von Härnösand

Am nächsten Morgen gehen wir auf Erkundung. Überall liegt der Schnee meterhoch, die Straßen sind nur schmale Trassen zwischen Schneebergen. Ganze Kolonnen von Lastwagen schaffen die weiße Pracht aus der Stadt hinaus. An der Küste sind wir bei strahlendem Sonnenschein allein und stapfen durch den Tiefschnee. Immer wieder brechen wir bis zur Hüfte in den pulvrigen Schnee ein. Das ist so lange lustig, bis wir am schrägen Hang zur Küstenlinie hin auf Eis unter der Schneedecke stoßen. Da wird die Kletterei plötzlich brandgefährlich. Wenn wir hier einen unvorsichtigen Schritt tun, können wir ins eiskalte Ostsee-Wasser rutschen. Die Ostsee ist noch nicht mit Eis bedeckt, aber das tiefdunkle Wasser, das träge die Uferfelsen umspült, hat Gefrierpunkttemperatur.

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Vereiste Ostseeküste in Härnösand

Wir fahren deshalb eine seichte Bucht an und können hier ungefährdet am flachen Strand entlangwandern und die kristallklare, eiskalte Luft genießen. Am Nachmittag, als die Sonne sich anschickt, hinter dem Horizont zu verschwinden, stehen wir oben auf dem Hausberg, bewundern das Panorama, und schauen zu, wie die warmen Lichter der Stadt nach und nach angehen und mit dem lila Sonnenuntergang konkurrieren.

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Strahlende Wintersonne am Ostseestrand in Härnösand


Die nächste Etappe nach Luleå

Für die nächsten 500 Kilometer sind die Wetteraussichten vielversprechend. Keine Wolken und kein Schnee. Aber die Temperaturen fallen wieder. Wir brechen am späten Vormittag auf, nachdem wir Proviant für die Fahrt eingekauft und vollgetankt haben. Auf der E4 Nationalstraße liegt kaum Schnee, dafür ist sie mit einer geschlossenen Eisdecke überzogen. Mit unseren Spikesreifen kein Problem. An die Abrollgeräusche und das dezente Rubbeln haben wir uns schon gewöhnt. Das stört uns auch nicht beim Audiobuch-Hören, wir vertreiben uns die Zeit der Fahrt mit ein paar spannenden Krimis.

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Ein Rastplatz in Lappland, die Schilder sind komplett zugeschneit

Je weiter wir Richtung Norden kommen, desto weiter fällt das Thermometer. Es ist früher Nachmittag, die Sonne steht hinter dem Horizont, ein ungewöhnliches violett-orange-rosa Dämmerlicht liegt über den schneebedeckten Baumwipfeln, und das Außenthermometer zeigt inzwischen minus 25° C an. Die Eisschicht auf der E4 wird rauer, geriffelter und zwingt uns, unsere Reisegeschwindigkeit etwas zu drosseln. Unsere Heizung und die Lüftung laufen auf Hochtouren, damit die Frontscheibe nicht vereist.

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Winterliche Straße in Lappland, früh nachmittags geht schon die Sonne unter


Nordlicht in Luleå

Auch auf dieser Fahrt kommen wir relativ spät abends am Ziel an. Kaum haben wir unsere Räumlichkeiten in alten Stadtteil von Luleå bezogen, der einige Kilometer landeinwärts vom neuen Luleå auf der anderen Seite der Schnellstraße liegt, treibt es uns wieder hinaus ins Freie. Warm eingepackt wandern wir zwischen den kleinen, geduckten, eng aneinandergeschmiegten roten Holzhäuschen der Gammelstad, der Altstadt, umher. Immer wieder richten wir unsere Blicke erwartungsvoll gegen den wolkenlosen und sternenübersäten Nachthimmel. Da, schräg über uns schimmert ein schwaches grünes Band zwischen den Sternen. Das kann durchaus der Vorbote einer starken Nordlichteruption sein.

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Nordlicht über der Gammelstad (Altstadt) von Luleå

Und tatsächlich wird der grüne Schimmer stetig kräftiger, nimmt konkrete Formen an, und das Band beginnt sanft wie im Sternenwind zu wehen. Plötzlich flammt der grüne Streifen auf, fächert sich auf und wird zu einer gemächlich flatternden Himmelsgardine, die sich majestätisch über den Himmel ausdehnt.

Die beißende Kälte ist vergessen, wir stehen staunend im Schnee und lassen uns von dem Schauspiel verzaubern, das in gespenstischer Stille vor unseren Augen stattfindet.

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Nordlicht in Luleå, der Bogen teilt sich gerade auf

Wer noch nicht weiß, wie das Nordlicht entsteht, hier eine kurze Erklärung:

Bei hoher Sonnenfleckenaktivität wird Plasma in Form von Protonen und Elektronen von der Sonne in den Weltraum katapultiert. Das wird auch Sonnenwind genannt. Trifft der Sonnenwind auf die Erde, wird er entlang der Magnetfeldlinien zu den Polen hin abgelenkt, wo er auf die obere Erdatmosphäre (ca. 60-300 km) trifft und deren Moleküle zum Leuchten anregt. Je nach Auftreffhöhe, Stärke und beteiligten Molekülen leuchten verschiedene Farben auf. Je nachdem, wie der Sonnenwind auftrifft, formt das Nordlicht Bänder, Vorhänge, Bögen oder sogar eine Corona.

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Bei einer Corona scheint das Nordlicht direkt auf einen herunterzuregnen

Und hier in Nordschweden sind es hauptsächlich die Orte Luleå, Kiruna und Abisko, die sich für Nordlichtbeobachtung anbieten.

Langsam werden die Lichterscheinungen wieder schwächer und wir spüren, wie sich die Kälte in unsere ungeschützte Gesichtshaut krallt, und uns bis in die Knochen fährt. Jetzt spüren wir auch die Strapazen der langen Fahrt, Arme, Beine und Augenlider werden schwer. So trotten wir langsam zurück zu unserer Unterkunft und kriechen müde, aber glücklich in die warmen Betten.


Eiskaltes Vergnügen

Nach der sternklaren Nacht folgt am nächsten Morgen ein strahlend blauer Himmel. Wir wollen uns die Gammelstad bei Sonnenschein ansehen, und schauen vor dem Loslaufen nochmal auf das Außenthermometer: minus 40° C, das ist ein neuer Rekord für uns. Vom warmen Zimmer aus wirkt das überhaupt nicht dramatisch. Erst als wir vor die Tür treten, spüren wir, wie der bittere Frost sich gnadenlos in ungeschützte Hautpartien verbeißt. Wir reiben schnell Wangen und Nasen mit Fettcreme ein, das soll vor Erfrierungen schützen. Tut es auch anscheinend, denn niemand von uns hat Erfrierungen abbekommen. Eine Winterjacke hatten wir über Nacht im Auto liegen lassen, die wollen wir noch holen. Wir bekommen die Autotür kaum auf, das Scharnierfett hat bei diesen Minusgraden mehr die Konsistenz von Beton. Und die Jacke ist buchstäblich in Winterstarre gefallen. Wir tauen sie langsam im warmen Zimmer auf bevor es möglich ist, sie anzuziehen.

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Der Frost hat die Gammelstad fest im Griff

In der Eiseskälte gefriert der Atem sofort zu winzigen glitzernden Kristallen, die wie mikroskopisch kleine Diamanten in der Luft schweben. Wir vermeiden stärkere Anstrengung, da uns die kalte Luft bei zu tiefen Atemzügen in den Lungen wehtut.

Dieses Winterwetter hat auch die lokalen Künstler ins Freie gelockt. Auf dem Marktplatz der Gammelstad steht eine Skulptur, die das aus soliden Eisblöcken herausgehauene, oder geschnittene Stadtwappen der Altstadt darstellt.

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Das Wahrzeichen der Altstadt steht prächtig, aber vergänglich auf dem Hauptplatz

Überall leuchtet der Schnee im extrem kurzen Sonnentag. Bäume, Häuser, Masten, alles ist mit der weißen Pracht eingepackt.

Schon bald sinkt die tiefstehende Sonne wieder unter den Horizont, die Region ist wieder in dieses magische von Rottönen bestimmte Licht getaucht, bevor langsam die Dunkelheit wieder ihre Herrschaft antritt, und wir uns erneut in die kalte Nacht wagen und nach Anzeichen von Nordlicht Ausschau halten.

Diese Zeit in Lappland, bei diesen extremen Temperaturen, die fantastischen Farben der langen Dämmerungsphasen, diese herrliche Ruhe und Stille, sorgen für ein unvergessliches Erlebnis. Es ist, als ob die Zeit mit eingefroren ist, und vor allem das Nordlicht ist der krönende Höhepunkt. Der Entschluss, wieder im Winter in diese Polarkreisregion zu fahren, steht jetzt schon felsenfest.

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So sehen minus 40° C in Lappland aus

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Nordlicht über den Baumwipfeln nordwestlich von Luleå

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