Eis, Schnee und rote Holzhäuser – ein Winter in Schweden



Unsere Kinder wünschten sich einmal einen richtigen Winter, bei uns zuhause fällt er regelmäßig aus. Anstatt Schmuddelwetter wollten sie Schnee, anstatt matschiger Pfützen knackiges Eis. Wir Eltern sehnten uns nach Ruhe und Natur. Wir hatten gute Freunde in der Nähe von Stockholm, da war der Entschluss schnell gefasst, und wir mieteten ganz ihrer der Nähe ein nettes Ferienhäuschen am See.

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Typische Winterstraße, Eis und Schnee auf der Fahrbahn, Bäume am Rand

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Sonniger Wintertag nach dem Schneefall, das rote Haus als Farbtupfer

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Schneesturm




Autofahren im Schneesturm

Wir fuhren Anfang November Richtung Norden. Das Wetter war trist, kahle Bäume säumten die deutsche Autobahn, graue, konturlose Wolken hingen am Himmel. Wir hatten gerade die Fähre von Dänemark verlassen und waren eine Stunde auf der schwedischen Autobahn unterwegs, 700 Kilometer lagen noch vor uns, da fing es an zu schneien. Zuerst blieb die Straße noch frei, dann lag der Schnee auf den Seitenstreifen, danach auf der weniger frequentierten Überholspur und schließlich war die gesamte Fahrbahn mit frischem, weißem Schnee bedeckt. Die schwedische Straßenmeisterei ist auf diese Witterung vorbereitet. Die Autos haben frühzeitig Winter- oder Spikesreifen auf den Felgen, und die mächtigen Räumfahrzeuge arbeiten effektiv. Trotzdem kamen wir nur noch langsam voran. Endlich gegen 22:00 Uhr erreichten wir müde das kleine rote Holzhaus am See. Der Schnee flog horizontal vor unseren Scheinwerfern vorbei. Das Schneetreiben hatte sich in einen Schneesturm verwandelt und nachdem wir das Gepäck ausgeräumt hatten, hatte sich eine 10 cm hohe Schneeschicht im Laderaum unseres VW Busses niedergelassen.

Das ist also ein richtiger Winter! Wir fütterten den Kaminofen im Wohnzimmer randvoll mit Holzscheiten, und er heizte in Windeseile das Wohnzimmer auf und wir sanken erschöpft aber glücklich in das weiche Sofa.

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Unser Auto ist dick vereist

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Vorrankommen in den Schneewehen




Eis und Schnee – Kunst von Mutter Natur

Solche Schneemassen waren selbst für Schweden zu dieser Jahreszeit außergewöhnlich. Wir freuten uns darüber, denn die frisch verschneite Landschaft war ein Augenschmaus, und um das zu erleben waren wir extra so weit gefahren. Vom Esszimmer aus blickten wir über den See, dessen Wasser noch tiefblau glitzerte. Doch der Kälteeinbruch hielt sich und die Temperaturen fielen stetig bis sie sich schließlich dauerhaft bei minus 15° C einpendelten. Zur Kälte gesellte sich ein kräftiger Wind. Der Sturm peitschte das Seewasser hoch ans Ufer, wo es sofort gefror. Das Schilfrohr verwandelte sich in wunderbare Eisgebilde, die ich jeden Tag fotografierte.

Das war mein „zur Ruhe kommen“ - ich stapfte die wenigen Meter zum See, schaute mir die Kunstwerke von Mutter Natur an und verewigt diese Vergänglichkeit in meinen Fotografien. Unsere Kinder waren den ganzen, wenn auch kurzen, Tag im Wald und am See unterwegs. Sie bauten Iglus, versuchen sich mit dem pulvrigen Schnee an Schneemännern und lieferten sich Schneeballschlachten.

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Eiskunst am See

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Abendstimmung am See

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Nach dem Nebel sehen die Bäume aus wie mit Zuckerguss überzogen

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Wir schippen fast täglich Schnee, das dauert besonders lang, wenn der Schneepflug den Schnee in unsere Ausfahrt schob

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Nordischer Kickschlitten, damit kommen wir auch ohne Rodelhügel wunderbar voran




Die Landschaft erstarrt und auch unser Leben wird langsamer

Vom Fenster aus, mit einer heißen Tasse Tee am Tisch sitzend, sahen wir zu, wie der See zufror. Es dauerte nur ein paar Tage bis wir das Eis am Rand des Sees betreten konnten. Die kniehohe Schneeschicht auf dem Eis verhinderte das Schlittschuhlaufen. Schade, das hätten wir gern ausprobiert. Unsere Kinder räumten trotzdem eine Bahn im Schnee frei und ließen Eisklötze hin und hergleiten. Das war so eine Art einfaches Curling. Wir wanderten gemeinsam am Strand entlang, auf der Eisdecke des Sees, nicht am Ufer. Unsere Freunde waren gute Ratgeber was die Sicherheit in der Natur im schwedischen Winter betrifft. Sie erklärten uns, ab wann es sicher ist, das Eis zu betreten, dass sich jeder von uns einen Isdubbar, einen Eispick, um den Hals hängen muss. Über Strömungen wird die Eisschicht schnell dünn, und dort kann man ohne Vorwarnung einbrechen. Mit dem Isdubbar kann man sich wenigstens ins Eis krallen und sich aus dem Wasser in Sicherheit ziehen.

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Skitour auf dem See, die Isdubbars als Sicherheit um den Hals

Ein weiterer Schneesturm zog über die Region, und unseren Jungs fiel nichts besseres ein, als gerade jetzt Langlaufski zu lernen. Unser Ältester hatte es sehr schnell drauf, doch als sie sich stundenlang gegen Wind, Schneegestöber und Kälte in der Dunkelheit zurückkämpfen mussten, hörten wir ihn schon von Weitem fluchen.

In unserer Region gab es nicht viele Rodelhügel. Es gibt jedoch Kickschlitten, so eine Art Hundeschlitten, nur ohne Hunde. Vorne kann einer sitzen, hinten steht einer und schiebt den Schlitten an. Damit waren die Kinder oft im Wald und am See unterwegs.




Weihnachtszeit in Schweden

Die Vorweihnachtszeit ist eine Zeit der Besinnung und der Traditionen. In Deutschland sind diese wenigen Wochen vor dem Weihnachtsfest allgemein die stressigsten des Jahres. Auch deswegen war es uns recht, die Vorweihnachtszeit in ländlicher Abgeschiedenheit zu verbringen. Wir treffen keine Touristen, unser Aufenthalt fühlt sich nicht wie Urlaub an. Irgendwie viel intimer. Wir hatten ja das große Glück, Freunde in der Nähe zu haben und erlebten so gemeinsam eine außergewöhnliche Zeit, die wir nie vergessen werden.




Das Luciafest

Am 13. Dezember, zum Luciafest, trafen wir und in der Küche unserer Freunde und buken gemeinsam die Lysekater, ein leckeres Saffrangebäck, welche nur an diesem Tag gegessen wird. Am Nachmittag, es ist bereits um 15:00 Uhr dunkel, gehen viele Schweden in die Kirche, um zu singen und die Wintersonnenwende zu feiern. Mit knirschenden Schritten folgten wir unseren Freunden durch den glitzernden Pulverschnee in die feierlich mit Kerzen und Fackeln ausgeleuchtete kleine Kirche des Ortes. Zum ersten Mal in diesem Jahr spürten wir eine weihnachtliche Stimmung. Die Pfarrerin redete langsam und deutlich, wir verstanden sogar das schwedische „Vater unser“ mühelos. In einer feierlichen Prozession schritten die Kinder singend zum Altar, allen voran Lucia, im weißen Gewand mit der Kerzenkrone auf dem Kopf, gefolgt von Mädchen und Jungs, die ihre Kerzen in den Händen trugen.

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Luciafest in der kleinen Kirche des Ortes

Nach der Kirche setzten wir uns alle am Abend neben dem knisternden Kaminfeuer zusammen, schauten gemeinsam das traditionelle Lucia-Konzert im schwedischen Fernsehen an, verputzten dabei das gesamte Gebäck und schlürften dazu heiße Schokolade.




Weihnachtsbäckerei

Pfefferkuchen backen ist eine weiteres traditionelle Beschäftigung, welche in Schweden in der Vorweihnachtszeit nicht fehlen darf. Die Kinder taten sich zusammen und rührten Unmengen von Teig an, der zuerst brav als kleine Tannenbäume und Sterne ausgestochen wurde. Ziemlich schnell änderten sich die Formen, und Dinos, Fratzen, Monster und andere Kreationen aus der jugendlichen Fantasie wanderten auf dem Backblech in den Ofen. Dem Geschmack tat das natürlich keinen Abbruch.

Aus Pfefferkuchenteig bauten wir ein paar Tage später noch ein Pfefferkuchenhaus, auch das ist in Schweden ein Muss. Dieses mit Zuckerguss überzogene und mit allerlei Figuren verzierte Häuschen darf aber erst am 13. Januar, dem offiziellen Termin zur „Entweihnachtung“ des Hauses, gegessen werden.

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Pfefferkuchenhaus




Weihnachtsmärkte

Natürlich gibt es auch in Schweden zahlreiche Weihnachtsmärkte von denen wir einige besuchten. Wir schlenderten durch den alten Ortskern von Örebro, die Straßen voller Schnee, Tannenzweige liegen als Art Fußmatte vor den Türen, weihnachtliche Musik wehte leise über den Markt, wir blickten auf die hübschen bunten Holzhäuser mit all ihren Erkern und Verzierungen, waren glücklich und fühlten uns wohl. Der zimtig, süßliche Geruch von Glögg, einem Glühwein ähnlichen Getränk, welches es mit und ohne Alkohol gibt, zog uns verführerisch in die kalten Nasen.

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Weihnachtsmarkt in Örebro

Ein Besuch von Stockholm durfte natürlich nicht fehlen, dort war der Schnee wegen des Verkehrs weniger idyllisch, in diesem schneereichen Jahr häuften sich Berge von schmutzigem, braunem Schneematsch auf den Gehwegen. Die Handschuh- und Mützenverkäufer machten bei minus 20 °C gute Geschäfte. Die Straßenbeleuchtung und Schaufenster waren in der Hauptstadt weihnachtlich dekoriert, erstaunlicherweise ging es unglaublich ruhig und gemächlich zu, in der größten Stadt Schwedens. Sogar unser extralanger VW Bus fand mühelos einen Parkplatz mitten in der City.

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Nachmittags in Stockholm

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Schaufenster in Stockholm




Autofahren auf dem See

Wieder zurück an unserem See kämpften wir uns tapfer durch neue Schneewehen und rutschen über Eis. Jedes mal, wenn wir das Auto bewegen wollten, mussten wir den Weg freischaufeln, das dauerte eine Weile. Wir waren nicht in Eile, wir wollten den richtigen Winters genießen, und da gehört das Schneeschippen dazu. Dass die Schweden auf dem Land ihre Autos im Winter nicht abschließen, hat weniger mit der geringen Kriminalitätsrate zu tun, und mehr mit der Kälte. Die Schlösser frieren leicht ein – darauf sollte man sich unbedingt einstellen und immer Schlossenteiser-Spray in der Jackentasche haben. Wenn das nicht wirkt, eine heiße Wärmflasche gegen die Autotür drücken hilft garantiert.

Nach einigen Wochen eisiger Kälte war das Eis auf dem See so dick, dass jetzt auch Autos darauf fahren konnten. Einzig der daraufliegende Schnee war im Weg. Ein Bauer schob mit seinem großen Traktor eine Spur als Fahrbahn frei. Am folgenden Sonntag hielt der ganze Ort ein Treffen auf dem See ab. Jeder hatte irgendein motorisiertes Gefährt dabei. Die Autos drehten mit gewaltigem Getöse ihre Runden. Montags war es wieder ruhig, nur das Eis des Sees knisterte leicht, wir hätten Schneeflocken fallen hören können, doch waren wir zu beschäftigt unsere Autos auf den See zu bugsieren. Jetzt waren wir an der Reihe. Der Fuß drückte auf das Gaspedal, der Motor heulte auf, nichts tat sich. Klar die Reifen drehten durch. Also nochmal, aber ganz gemächlich. Auf dem See gelten keine Verkehrsregeln und auch etwas ältere Kinder dürfen hier das Fahren üben. Unser Ältester fuhr zum allerersten Mal in seinem Leben Auto und das auf einem zugefrorenen See! Sehr langsam war er dabei nicht unterwegs, und landete zwischendurch immer wieder mal in den Schneewehen. Dieses Erlebnis wird er nie vergessen.

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Nebel und Kälte, am See, Schweden

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Im Wald, Schweden

Inzwischen waren wir auch in der Lage, anhand des Schneeknirschens beim Gehen, die Temperatur zu bestimmen. Zumindest auf 5° C genau. Um den Gefrierpunkt matscht und knatscht es, ab minus 20° C knirschen und vibrieren die Schneekristalle fast wie eine Sanddüne in der Wüste.

Die Landschaft war so weiß und farblos, weil einfach alles, auch die Seen, mit Schnee überzogen war. Im Sommer sind die Seen grellblaue Farbtupfer in der ansonsten grünen Landschaft aus Bäumen und Wiesen. Nun war alles eine einzige große blendende Fläche. Uns wurde schnell klar, warum die Häuser in Schweden so bunt angemalt sind. Das Auge braucht diese Farbtupfer zur Orientierung.




Nichtstun tut gut

Es gab also einiges zu tun im schwedischen Winter. Mir bereitete es jedoch die größte Freude, zur Abwechslung mal gar nichts zu tun. Einfach mal im Wald zu stehen und den Schneeflocken beim Fallen zuhören. Schweden hat viele Wälder und nur wenige Straßen, welche zudem nur sporadisch befahren werden. Ruhe ist also das Grundgefühl, hier gibt es kein immerwährendes, geschäftiges Hintergrundbrummen und -rauschen wie fast überall in Deutschland. Wenn wir etwas Abwechslung wollten, fuhren wir in die nächste Kleinstadt, bummelten durch die Straßen, oder gingen ins Hallenbad. Dort setzten wir uns nach ein paar Schwimmrunden ins Jacuzzi oder in die Sauna. Dieser Unterschied zwischen Drinnen und Draußen war schon krass.

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Schneeballschlacht - wenn es zu kalt ist, klebt der Schnee nicht und die Schneebälle lösen sich vorzeitig auf

Die Natur war nicht immer friedlich in diesem Winter. Wir lernten in dieser kalten, schneereichen Jahreszeit beides: Respekt vor der Natur und den Naturgewalten aber auch Ehrfurcht für diese unglaubliche Schönheit und dem krassen Wechsel der Jahreszeiten. Der schwedische Winter zeigte uns Grenzen auf, ließ uns merken, dass wir selbst nur ein kleiner Teil auf der Mutter Erde sind.

Unsere Familie fand in Schweden, was sie gesucht hatte. Ein richtiges Wintererlebnis mit viel Schnee und Eis für die Kinder, Ruhe und Natur für uns Eltern.

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Klare Sternennacht in Schweden

Sie wollen auch schöne Winterbilder schießen? Dann holen Sie sich hier Tipps: http://www.5reicherts.com/?p=10738

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