Mit dem Hausboot durch die Uckermark


Wir übernehmen unser Boot

Mitte September starten wir unseren Trip im Hafen von Zehdenick auf einem dieser schwimmenden Schuhkästen, einem Loftboot. Unseres hat viel Platz, große Panoramafenster nach drei Seiten, Stromversorgung für die Kameras und Notebooks, und alle denkbaren wohnlichen Einrichtungen, inklusive Sonnenterrasse auf dem Dach. Es ist als Doppelrumpfboot konstruiert und wird von 2 Schiffsschrauben angetrieben, jede mit ihrem eigenen Dieselmotor. Sehr sportlich ist es halt nicht, aber ohne Binnenbootsführerschein und nur mit der Charterbescheinigung dürfen wir sowieso keine Geschwindigkeitsrekorde aufstellen und müssen uns mit Schritttempo beschränken.

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Aber bevor wir richtig losschippern können, müssen eine vierstündige Einweisung machen. Erst zeigt uns der Instrukteur die gesamte Bordtechnik und deren Bedienung. Dann folgt die Theorie über Binnenschifffahrtszeichen und Schiffsverkehrsregeln. Wo kann man anlegen? Wo gibts Wasser, Strom, Entsorgung? Zum Glück gibt es einen dicken Ordner, in dem wir alles nachlesen können, und auch einen Satz detailierte Schifffahrtskarten. Nach der Erklärung der Bedienelemente des Steuerpults geht es endlich los zur Probefahrt.
Wir tasten uns vorsichtig aus der Haltebucht hinaus, drehen das Hausboot mühsam in Fahrtrichtung und tuckern gemütlich los. Zum Manövrieren mit den zwei Schiffsschrauben links und rechts am Heck gibt es je einen separaten Hebel mit Vorwärts- und Rückwärtsstellung, für das Ruder ein klassisches Steuerrad. Unser Instrukteur meint, das Boot ließe sich mit den Hebeln steuern, wie ein Panzer. Leider hat keiner von uns Erfahrung mit Panzerfahren, so ist das alles Neuland.
Nach jeder vorgenommenen Kursänderung müssen wir geduldig warten, ob das Boot auch das macht, was wir vorhaben. Das ist so eine Art Brontosaurus-Effekt. Wenn man dem auf den Schwanz getreten hatte, kam die Info erst eine knappe Minute später im Kopf an.
Irgendwie findet unser Hausboot den Weg aus dem Hafen und schon bald fahren wir die Havel stromaufwärts. Wir haben viel Platz, denn wir sind anscheinend die einzigen auf dem Wasser.

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Rechts und links des Flusslaufs liegen stillgelegte Tongruben. Hier heißen sie Stichseen, bei uns zuhause würde man Baggersee sagen. Einer dieser Stichseen hat einen Zugang zur Havel und wir steuern ihn an, weil wir auf dem See ein Ankermanöver durchexerzieren wollen. Das gehört zur Einweisung. Wir suchen uns eine Stelle an der windzugewandten Seeseite in Ufernähe, halten dabei ausreichend Abstand und lassen den Anker los. Nach Grundberührung geben wir nochmal die doppelte Ankerkettenlänge dazu und fahren langsam rückwärts, um den Anker in den Boden zu ziehen. Das Anker einholen gestaltet sich ungleich schwieriger. Der Anker sitzt fest im Lehmboden und will partout nicht wieder heraus. Also senkrecht bis leicht nach vorn über die Ankerstelle fahren und immer wieder gefühlvoll ziehen. Im Stillen beschließen wir, dass wir doch lieber das Ankern auf dem See sein lassen, zu mühevoll.

Wieder zurück erledigen wir den restlichen Papierkram und räumen anschließend unsere Sachen aufs Boot. Es ist schon später Nachmittag, jetzt noch losfahren lohnt nicht unbedingt, so richten wir uns gemütlich ein, und schauen uns abends Zehdenick an.

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Von Zehdenick nach Templin

Am nächsten Morgen begrüßt uns die Sonne. Wir haben wunderbar geschlafen und sind reif für neue Taten. Schnell noch einen Sack frischgebackene Brötchen holen und dann fahren wir los. Gemütlich blubbern die zwei Schiffsdiesel mit je 16 PS im Unterdeck, als wir den Havelwindungen flussaufwärts folgen. Ein paar Wattebauschwolken ziehen vorbei, die Vögel zwitschern in den Uferwäldern, sonst ist nich viel los. Ab und zu begegnet uns ein anderes Boot, da bricht schon fast die Hektik aus - nach Steuerbord ausweichen und hoffen, dass unser schwimmendes Heim auch rechtzeitig dem Ruderbefehl folgt.

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Nach einigen Stunden Fahrt biegen wir in Einmündung des Templiner Wassers ein, fahren über den still vor uns liegenden Großen Kuhwall See und stehen zum ersten Mal vor einer Schleuse. Wenigstens ist die historische Schleuse Kannenburg bemannt, und der Schleusenwärter hilft uns netterweise beim Einfahren und Festmachen. Als wir in den Röddelinsee einfahren, ist es schon Nachmittag, und es wird Zeit, dass wir einen Liegeplatz finden. Aber der Röddelinsees zieht und zieht sich scheinbar endlos hin. Darum sind wir froh, als ein Stück vor der Einmündung des Templiner Kanals der Anleger von Biberburg-Tours vor uns auftaucht. Wir zwingen unseren Kahn Richtung Liegeplatz, da kommt auch schon der Hafenmeister und hilft mit Kommandos zum Anlegen. Unsere Kids übernehmen das Ranziehen an den Steg und das Vertäuen des Bootes, dann hängen wir uns noch an die Steckdose. Auch wenn unser Hausboot fette Batterien und Solarzellen hat, der Kühlschrank verbraucht mehr, als die Sonne erzeugen kann.

So langsam hebt sich die Wolkendecke, und wir lehnen uns erst einmal entspannt zurück und genießen das Schauspiel von tiefstehender Sonne und Wolken. Unser Hafenmeister ist auch gleichzeitig Besitzer des Freizeitparks, und gerade mit nachsaisonalen Reparaturen beschäftigt. Er bietet uns gleich Fahrräder und ein Kanu zur freien Verfügung an, und nimmt die Brötchenbestellung für nächsten Morgen entgegen. Wir unterhalten uns noch mit den wenigen Urlaubern, die mit ihren Booten hier Halt gemacht haben, dann gehts in die Kojen.

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Templin und ein fantastischer Sonnenuntergang

Nach einem langen, tiefen und erholsamen Schlaf erwarten uns frische Brötchen, die der Hafenmeister auf unserer Frontveranda deponiert hat. Nach dem ausgiebigen Frühstück wandern wir die 5 km durch den Uferwald und am Kanal entlang nach Templin. Es ist unheimlich ruhig hier, und als sich die Kirchturmspitze über den Baumwipfeln zeigt, können wir uns leicht vorstellen, dass es vor 200 Jahren auch nicht viel anders gewesen ist.

Allinge

Allinge

Was Templin sehenswert macht, ist nicht die Tatsache, dass Angela Merkel hier aufgewachsen ist, die Stadt ist mit ihren Kirchen, Fachwerkhäusern und der fast 2 Kilometer langen, vollständig erhaltenen und renonvierten Stadtmauer ein kleines Schmuckstück.
Nach dem ausgiebigen Stadtrundgang besorgen wir noch ein paar Vorräte und machen uns auf den Rückweg. Die leichte Wolkendecke hat inzwischen ein geriffeltes Aussehen angenommen, am westlichen Horizont über dem See ist der Himmel wolkenfrei. Das lässt auf einen farbenfrohen Sonnenuntergang hoffen.

Und tatsächlich, kaum haben wir zu Abend gegessen, kommt die Sonne hinter der Wolkenkante hervor und setzt den gesamten Himmel in Flammen. Selten haben wir so einen spektakulären Sonnenuntergang erlebt, und schon gar nicht in Deutschland. Jetzt spielt auch unser behäbiges Loftboot seinen größten Trumpf aus: wir sitzen gemütlich im Warmen, und haben doch wegen der Panoramafenster freie Sicht nach draußen. Die untergehende Sonne badet das Ufer in goldenes Licht, der Himmel wechselt von gelb nach orange nach rot nach purpur.
 
Allinge


Durch viele Schleusen nach Bredereiche

Ein neuer Tag beginnt, Stille liegt auf dem See und die Frühstücksbrötchen liegen schon parat. Heute wollen wir weiter havelaufwärts fahren, dazu müssen wir erst einmal zurück durch die Kannenburger Schleuse, und dürfen uns auf weitere 4 Schleusen freuen, oh Mann. Wir haben da leichte Bedenken betreffs der Manövrierfähigkeit unseres Wohnschiffes. Bei der Kannenburger Schleuse fängt es auch schon gut an. Wir kommen mehr quer als gerade angerauscht und haben alle Hände voll, inklusive der des Schleusenwärters, zu tun, nicht anzuecken, oh Mann.
Das sind aber die einzigen Stressmomente. Das Fahren selbst ist entspannend, wir müssen nur Kurs halten, auf gelegentlichen Gegenverkehr und überholende Boote achten.

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So einfach am Ufer anlegen können wir mit unserem großen Kahn nicht, aber uns reicht es schon, vor den Schleusen festzumachen. Einer steuert, die anderen sorgen dafür, das Boot möglichst sanft anzudocken und dann festzuzurren. Die vor uns liegende Schleuse hat Selbstbedienung, also keine Hilfe, und wir schaffen es mit Ach und Krach, da durch zu kommen. Unsere Navigationsfertigkeit ist noch verbesserungswürdig. Und das geht erstaunlicherweise sehr schnell. Schon bei der nächsten Schleuse haben wir kaum noch Probleme.

Bei Bredereiche durchfahren wir die letzte Schleuse des Tages. Die überwindet nicht nur mehr als 3 Meter Höhenunterschied, eine Schleusenseite ist ein Hubtor, so eine Art Gouillotine für Flüsse. Das Anlegen geht jetzt wie geschmiert. Schräg ranfahren, Tempo rausnehmen, Halteseile um die Poller werfen und das Boot ranziehen. Es erstaunt uns immer wieder, wie unser 17-Tonnen-Pott mit reiner Muskelkraft bewegt werden kann.
Beim Einfahren in die Schleuse steuern wir nur mit den Schiffsschrauben, Vorwärtsschub links, Rückwärtschub rechts, Tempo raus und Rückschub zum Abbremsen. Das Ruder hat bei der Kriechgeschwindigkeit keinen Einfluss auf den Kurs. Gleich hinter der Schleuse machen wir am Anleger des örtlichen Gasthofes fest und haben offiziell Feierabend.

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Über den Stolpsee bis nach Fürstenberg

Am Morgen kitzelt uns die Sonne aus dem Schlaf, Brötchen müssen wir uns heute selber im lokalen Tante-Emma-Laden holen. Dann brechen wir auch schon auf. Mit einem kräftigen Schubs stoßen wir uns vom Anleger ab und drehen elegant in Fahrtrichtung. Vor uns liegt das kurvenreichste Stück unserer Tour. Die Havel windet sich, wie ein Dünndarm auf anatomischen Zeichnungen. Der dichte Uferwald ragt oft übers Wasser, sehr weit voraus können wir nicht sehen, deshalb halten wir uns ziemlich dicht am rechten Ufer, falls ein Boot entgegenkommt. Hier ist fast alles Naturschutzgebiet, entsprechend spärlich sind auch Gebäude und Siedlungen. Wir wechseln uns mit dem Steuern ab, in den Havelschleifen fühlt sich das Schippern an, wie Autoscooterfahren in Superzeitlupe.

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Wolkige weiße Wattebäusche ziehen über den blauen Himmel als sich die Havel plötzlich verbreitert und wir in den Stolpsee einfahren. Nach der Enge sind wir plötzlich auf dem offenen See, die Ufer sind in weite Ferne gerückt. Der Stolpsee erscheint uns gigantisch. In Hausbootmaßstäben beträgt seine Länge eine gute Dreiviertelstunde Volldampf voraus. Tatsächlich ist er knapp 4 Kilometer lang, und das reicht schon für einen Eindruck von offener See. Eine leichte Brise weht von schräg Backbord und demonstriert eindrucksvoll, wie windempfindlich unser Kahn ist. 20 Quadratmeter Seitenfläche sind auch als Segelfläche nicht zu verachten. Mit leichtem Gegensteuern ist das auch keine Sache. Wärmende Sonnenstrahlen und die leichte Seebrise verwöhnen unsere Haut, während wir uns gemächlich der Stadt Fürstenberg nähern.

Mit einer gekonnten Drehung legen wir fast professionell am Yachthafen an, vertäuen das Boot und gehen auf Sightseeing-Tour. Maximal 3 Stunden dürfen wir hier kostenfrei liegen. Und auch in Fürstenberg, wie schon in Templin und Zehdenick, haben wir den Eindruck, hier ist alles tipp-topp sauber und frisch gestrichen, die Uckermark will ihren Besuchern auch was bieten.

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Die Übernachtung haben wir allerdings in Himmelpfort am östlichen Ende des Sees geplant. Da liegen wir direkt am See mit Blick Richtung untergehender Sonne. Im milden Nachmittagslicht tuckern wir zurück über den Stolpsee und fühlen uns beim Anlegen schon wie alte Seehasen. Der Hafenmeister von Himmelpfort ist etwas einsilbig, aber das macht nichts, die Leute vom Nachbarboot geben gute Gesprächspartner ab. Im Schein der untergehenden Sonne essen wir zu Abend, dann sitzen wir mit unseren Nachbarn noch eine Weile auf ein paar Bier zusammen und unterhalten uns angeregt.

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Traumhafte Fahrt im frühen Morgenlicht

Morgen ist Wochenende und auf dem Weg zurück haben wir 4 Schleusen vor uns. Deswegen wollen wir sehr früh aufbrechen, um nicht unnötig lange Wartezeiten an den Schleusen zu riskieren. Auch in der Nachsaison ist an den Wochenenden einiges auf dem Wasser los. Außerdem wollen wir in der frühen Morgensonne auch ausgiebig fotografieren, was ja während der Fahrt im Vergleich zu Autofahrten, sehr gut möglich ist.
Als die Sonne aufgeht, sind wir schon auf de Beinen. Nebel liegt auf dem ruhigen See, ein Reiher flappt über das Wasser, zauberhaft oder märchenhaft wären geeignete Attribute für diese der Morgenstimmung. Während die Sonne über den Baumwipfeln erscheint und Nebelschwaden auf dem Wasser vorbeiziehen, legen wir ab. Auf der Rückfahrt durch die Havelschleifen begegnet uns kein einziges Boot. Nur eine Gruppe Angler an einer Flussbiegung versucht ihr frühmorgentliches Glück und winkt uns zu. Immer wieder kreuzt ein Reiher oder ein Kranich unseren Weg, saphirblaue Eisvögel sitzen auf den Pfählen der Uferbefestigung und schauen uns nach.

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An den Schleusen herrscht so früh am Morgen tatsächlich kein Betrieb, und wir können direkt einfahren, was wir auch routiniert bewältigen. Diese Morgenfahrt ist die absolute Krönung unserer Tour durch die Uckermark. Erst spät am Vormittag verziehen sich die letzten Dunstfetzen auf der Havel und die Sonne lädt zum Draußensitzen ein.

Früher als angenommen erreichen wir Burgwall, unsere letzte Station vor dem Heimathafen in Zehdenick. Auch Burgwall hat ein Restaurant mit der Möglichkeit zum Anlegen. Im Biergarten des Gasthofes lassen wir es uns schmecken und vertreten uns anschließend an Land die Beine.

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Rückkehr nach Zehdenick

Bevor wir am nächsten Tag nach Zehdenick zurückkehren, müssen wir noch den Abwassertank in Mildenberg leeren lassen und haben null Ahnung, wie das vonstatten geht. Die erste Abbiegung zum alten Yachthafen von Mildenberg wars schon mal nicht. Es gibt zwar eine Hafenmeisterei, die ist aber sonntags geschlossen. Also wieder ablegen, wenden und die nächste Einfahrt nehmen. An dieser steht ein Schild, das auf den Yachthafen und die Entleermöglichkeiten hinweist. Der zweite Hafen gehört zum Mildenberger Ziegeleimuseum und hat natürlich auch keine Entsorgung für Abfälle. Das Schild war für die nächste Einfahrt gedacht. Im dritten Versuch sind wir endlich an der richtigen Stelle, müssen allerdings noch eine Weile zwischenparken, weil grad ein anderes Boot bedient wird. Das Abpumpen geht tatsächlich einfach. Der Hafenmeister kuppelt seinen Pumpschlauch an den Auslassstutzen und schaltet die Pumpe ein. Eine halbe Stunde später sind wir wieder unterwegs Richtung Heimathafen.
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Wir räumen unsere Sachen vom Boot und übergeben das Gefährt. Nach einem kurzen Check und ein paar Abschlussformalitäten ist alles klar und wir können die Heimreise auf dem Landweg antreten.

Früher als angenommen erreichen wir Burgwall, unsere letzte Station vor dem Heimathafen in Zehdenick. Auch Burgwall hat ein Restaurant mit der Möglichkeit zum Anlegen. Im Biergarten des Gasthofes lassen wir es uns schmecken und vertreten uns anschließend an Land die Beine.

Das Resümee unserer Hausboottour fällt eindeutig positiv aus. Vorher wussten wir noch nicht so recht, ob uns diese Art des Reisens überhaupt gefallen würde, hinterher sind wir voll begeistert. Hausbootfahren in der Uckermark ist die Wiederentdeckung der Langsamkeit, die Entspannung und Ruhe in der Natur, das Zurücklassen von Stress und das Tanken frischer Energie. Nur eine Sache könnten wir kritisieren: eine Woche ist definitiv zu kurz.

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Alle Unterkünfte in der Uckermark